Wilmer, Heiner

Trägt.

Die Kunst, Hoffnung und Liebe zu glauben

Was trägt und wer trägt in schwierigen Zeiten? Gedanken des Hildesheimer Bischofs dazu. (Re 3.5 53)

Heiner Wilmer mit Simon Biallowons; Freiburg: Herder, 2025; erweiterte Taschenbuchausgabe; 169 Seiten; 116 mm x 15 mm x 185 mm; Paperback; 13,00 Euro

ISBN 978-3-451-03608-8

„Und? Was bringt mir das?“ (Hören Sie den leicht genervten Tonfall?) Eine Frage, die oft gestellt und genauso oft als oberflächlich kritisiert wird. Heiner Wilmer überrascht die Lesenden damit, dass er die Frage aufgreift und zeigt, was Christen an spirituellen und religiösen Schätzen anzubieten haben – und was das bringt. Wilmer, der Ordensmann und Bischof von Hildesheim ist, hat das Buch während der Corona-Krise geschrieben und nun erweitert noch einmal veröffentlicht. Denn die Frage, was christliche Spiritualität bringt, stellt sich fünf Jahre später vielleicht sogar noch dringender. Wilmer erschließt über persönliche Erlebnisse, was ihn trägt und wer ihn trägt. So erzählt er z.B., warum er Schwarzen Tee mit großen Kluntjes und Sahne mit der Ewigkeit verbindet und was das mit Hoffnung zu tun hat. Er erzählt von Etty Hillesum, der niederländischen Jüdin und Mystikerin, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Sie fasziniert ihn, weil sie ein tiefes Gottvertrauen entwickelte, das auch Krisen überstand, in denen Gott für sie wie verschüttet war. Sie vertraute darauf, dass Gottes Versprechen an Mose, ich werde da sein, gilt – auch als sie das Grauen von Westerbork und Auschwitz erlebte. Daran knüpft Wilmer an, wenn er schreibt: „Glaube ist Geduld mit Gott … Die Anerkennung, dass Gott vertrauen schwer sein kann. Und die beinahe trotzige Überzeugung, dass wir schon erleben werden, dass wir getragen sind.“ Glaube brauche Geduld, Ausdauer und Übung. Von der Frage „Was trägt?“ geht Wilmer über zu „Wer trägt?“ und beantwortet diese Frage in einem unfassbar gut komponierten Kapitel über die Dreifaltigkeit aus Sohn, Vater und Heiliger Geistkraft, das ohne theologische Spekulation auskommt und trotzdem den Kern der christlichen Gottesvorstellung schildert: Vom Sohn, der deutlich macht, dass der Vater kein entfernter, sondern ein leiblicher Verwandter ist und dass seine Beziehung zu den Menschen durch den Indikativ – die Wirklichkeitsform – gekennzeichnet ist: „Ich bin und ich bin da und ich werde da sein“, wie Wilmer die Selbstvorstellung Gottes im brennenden Dornbusch übersetzt. Zugleich ist der Vater unbegreiflich, wie Wilmer in einem sehr lebendigen Streitgespräch mit alten Freunden über die Beinahe-Opferung des Isaak deutlich macht – wieder ohne theologisches Fachvokabular und dafür umso eindrucksvoller. Und das Wirken der Heiligen Geistkraft macht er nicht nur an diesem Gespräch deutlich, sondern auch an der modernen Kirche Notre Dame d’Espérance in Paris. Wenn Sie die Kirche nicht kennen, suchen Sie mal nach Bildern im Internet – und dann lesen Sie, was Wilmer darüber schreibt. Heiner Wilmer schreibt lebensnah und lebendig über das, was christliche Spiritualität bringt. Seine Texte sind gehaltvoll, mehr rheinisches Schwarzbrot, das man gründlich kauen muss, als ein Croissant. Sie regen dazu an, „ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott“, wie Etty Hillesum schreibt. (Religiöses Buch des Monats Oktober 2025)

Christoph Holzapfel